Hearhere – What’s on your mind

Crystin und Marco treffen sich 2008 im Internet, bei Myspace – einer damals nicht unwichtigen Plattform für Musiker und Musikhörende, die heute niemand mehr wirklich ernst nimmt. Beide waren zu der Zeit keine unbeschriebenen Blätter: Marco, als Werber im tristen Siegen tätig, tobte sich elektronisch in der Elektropunk-Combo Les Mercredis aus. Crystin aus Düsseldorf, von Beruf Komponistin für Soundtracks, Compilations und Werbespots, verwirklichte sich vor allem Solo in bittersüßen Popsongs. Ein Remix führt die zwei Welten zusammen, das elektronisch unbequeme Rumpeln und die zarte Melancholie. Aus dem Remix wird eine Idee: Lass uns was zusammen machen, einfach so. Erste Songs entstehen, klingen auf Anhieb richtig, zueinander passend, nach mehr – trotz unterschiedlicher Herangehensweisen, unterschiedlicher Ideen, unterschiedlicher Ursprünge. Es sind die gleichen Abgründe, nur in verschiedenen Farben ausgekleidet, die Crystin und Marco zueinander führen. Freunde und Bekannte sind begeistert, Radiosender fragen an, Hearhere läuft fast von selbst. Die erste EP, „Breathing“, erblickt das Licht der Welt, der zynische Dance-Klopfer „To feel is“ stürmt die deutschen Radios, ein Album scheint nahe. Dann der Schock: Persönliche Dramen und gesundheitliche Schicksalsschläge bremsen das Duo aus, Hearhere fallen ins Koma, wollen nicht mehr, können nicht mehr. Es wird still.

2011 küsst sich die Band wieder wach – weil beide feststellen, dass Hearhere doch nicht nur irgend so ein Musikprojekt, sondern weitaus mehr ist. Therapeutikum, Wutventil, Beichtstuhl für dunkle Gedanken, von denen niemand sonst wissen darf. Der Neustart klingt unsicher, zaghaft, manifestiert sich im eigenwilligen Adamski-Cover zu „Killer“, nebst wild gemischter EP. Auch wenn das Cover weniger Verneigung, vielmehr ein Buhlen um Aufmerksamkeit war: Hearhere operieren den treibenden Danceklassiker zur niederschmetternd melancholischen Anklage um, contra Viralität und Erfolgsaussicht. Lokale Indie-DJs beschweren sich, weil niemand gerne traurig tanzen mag. Man lässt die Kritik sacken und etwas Zeit vergehen. Marco zieht nach Köln, Radikalkur, verkauft fast alle Synthesizer, will weg vom Preset hin zum Anfang der elektronischen Musik: Modulare Synthesizer, kilometerweise Kabel, jeder Klang ein Unikat, kein Speichern, Musik für den Moment, nicht für den Mausklick. Der vertrackt verspielte Ursprung mit Millionen von Spuren und Sounds, den man auf Breathing noch überdeutlich hört, weicht einer eigenen Idee von Konzentration. Dunkler Pop, brutale Sounds, Entschleunigung, Kratzbürstigkeiten, die erst dann auffallen, wenn man sich bereits angeschmiegt hat. Gleichzeitig kehrt auch Crystin altbekannten Song-Strukturen den Rücken und erschafft im morbiden Klangbad seltsam leuchtende Gebilde, die den Hörer desorientieren, mit samtweicher Stimme in die die Irre führen: Jemand der so singt, kann keine düsteren Gedanken haben. Hat sie aber. Zeilenweise Abgründe, emotionale Ruinen, Schlachtfelder.

Zwischen 2012 und 2013 entsteht Neues, nicht nur aus Altem. Neben diversen Remixen und Kollaborationen, unter anderem für De/Vision, nimmt das erste, richtige Hearhere-Album Gestalt an. „Shadows of the ones we love“ heißt es, und wird 2014 endlich erscheinen. 13 Songs pendeln zwischen analog-modularem Wahnsinn, zartem Pop, An- und Wehklagen, aufgebrochenen Strukturen, Albträumen und Sehnsüchten. Kein Pressegewäsch, kein Popstardom, keine Posen, keine 3 1/2 Minuten-Radiohits – stattdessen reine Wahrheit, zwei Menschen die unverblümt genau das zeigen, was sich hinter der Maske verbirgt, die jeder von uns im Alltag zu gerne trägt. Musik, die gleichermaßen schutzlos und anklagend klingt, die weh tut, die keine gute Laune machen will. Und gar nicht kann. Wer freut sich schon über Narben? „Ihr habt mir den Tag versaut. Aber das war geil!“ war einer der ersten Kommentare einer privilegierten Vorab-Hörerin, die sonst ein eher dickes Fell hat.

„What’s on our mind“ ist nach „Staring“ die zweite Auskopplung aus dem Album. Und die Blaupause für alles, was sonst noch von Hearhere zu hören sein wird. Der Song spiegelt unfreiwillig die Geschichte der Band. Es beginnt mit dem zaghaften Versuch einer Ballade, natürlich verkompliziert, weil ein Piano nicht wie ein Piano klingen darf, sondern erstmal durch einen kaputten Kassettenrekorder gezogen werden muss. Damit es nicht nur technisch kaputt klingt. Eine Steilflanke für Crystin, die die erste Minute dazu nutzt, den Hörer zu verunsichern: ist es Verständnis, Mitleid oder blanker Hass, der da durchschimmert? Was ist wahr, was war falsch? Dann der radikale Bruch, aufs Wesentliche reduzierte Synthie-Sounds, nicht bedrohlich, aber dennoch gefährlich. Trotz des akkustischen Raums bleibt kaum Luft zum Atmen. Und mittendrin ein Refrain, der wieder alles umkehrt, Wehleid und Klage zusammenbringt, wie ein Pop gewordenes Tribunal, inklusive Chor und schneidender Gitarre. Am Schluss flirrende Synthies, die darauf hinweisen, dass die bunten 80er schlimmstenfalls auch nach einer Endzeitkatastrophe wieder kommen könnten – nur nicht in bunt. Es sind 6 schmerzhafte Minuten. Aber der Schmerz ist ok. Wie Legosteine unter nackten Füßen – übrigens der einzige Schmerz, an den sich jeder von uns jederzeit bewusst erinnern kann.